Essen
und Trinken als geschmackliche Einstiegsluke in
Kultur und Gesellschaft eines Landes: Wer sich so
an den " Kontinent " Brasilien heran macht,
weiss gar nicht, wo er angesichts der Komplexität
des brasilianischen Geschmacksuniversums beginnen
soll. In diesem Land leben (wie lange?) noch
indianische Ureinwohner von dem Urwald abgetrotzten
Nahrungsmitteln und mit archaischen Ernährungsweisen.
In anderen Landesteilen zelebrieren ehemalige afrikanische
Sklavinnen religiöse Essrituale mit einer eigenen
afrobrasilianischen Küche. Katholische Nonnen fabrizieren
immer noch Zuckersüsses aus Lusitanien und
deutsche Immigranten bieten Kaffeetafeln ganz wie
in der alten Heimat an. Gegrillte
Piranhas, Maniok, Palmöl, Malaguetta-Pfefferschoten,
das Trockenfleisch Charque, die Caju-Äpfel des Cashew-Nussbaums,
Kokus-Zucker-Quindims und der Zuckerrohrschnaps
Cachaca eröffnen Brasiliens ungeahnte Geschmackswelten.
Pflanzen und Tiere sind historisch zwischen den
Kontinenten (Amerika, Europa, Asien, Afrika) hin
und her geschoben worden und haben in den vielfältigen
regionalen Küchen Brasiliens ihre Spuren hinterlassen.
Aus der ehemaliger Sklavennahrung "Feijoada"
ist ein "Nationalgericht" geworden,
das arm und reich gleichermassen schätzen,
wie Maria im Interview der "Reingeschmeckt"-Rubrik
erzählt. Das afro-brasilianische Fingerfood der
schwarzen Köchinnen von Bahia wird heute genauso
wie der Limonen-Zuckerrohrschnaps-Cocktail Caipirinha
als Touristenattraktion verkauft. Was wir in Europa
an brasilianischer Küche serviert bekommen oder
selber anrichten können, ist nur ein Bruchteil dessen,
was das Land an Ess- und Trinkbaren zu bieten hat.
Da gibt es für Geschmacksjäger viel zu entdecken
(jenseits des Maniokmehls). Beginnen kann man mit
den "Lesefrüchten" und den Abstecher in
ein französisches Cassoulet, das ohne die Bohnen
aus Südamerika nicht geworden wäre, was es
heute ist: eine Art Okzident-Feijoada. (HF.)
"Reingeschmeckt" Gespräch mit Maria Battista, aus
Sao Paulo
im Südosten Brasiliens
HF. Du lebst seit 8 Jahren in Europa, was erzählst
du den Leuten hier, wenn sie nach der brasilianische
Küche fragen?
Maria: Das ist gar nicht so einfach bei der
Vielfalt des Essbaren in unserem Land. Zwischen
dem Amazonasgebiet der Indianer, dem Nordosten
mit den Grosstädten und der Gaucho-Pampa im
Süden liegen Welten. Aber unser Nationalgericht
muss ich natürlich erwähnen.
HF. Ja, die berühmte
Bohnen-Reis-Schweineohr-Geschichte. Maria: Die Fejoada ist uns heilig,
und das mit den eingekochten Schweineschwänzen
liegt daran, dass es sich ursprünglich um eine
Sklavenmahlzeit handelte. Vom Tisch der Kolonialherren
fielen nun mal nur die niederen Fleischteile
ab, die dann aber von den afrikanischen Frauen
kräftig mit unseren schmackhaften schwarzen
Bohnen verkocht wurden. Heute ist das ein mit
edleren Fleisch- und Wurstsorten aufgewertetes
Gericht, das alle Brasilianer gerne essen.
HF. Was kommt da rein und wie schmeckt das
denn?
Maria: Wie gesagt, alles vom Schwein, gerne
geräuchert, aber auch Rinderfleisch, Kochwürste
wie die Calabresa und vor allem ein Trockenfleisch,
Charque, das es in Europa so nicht gibt.
Die
Basis der Feijoada sind die Bohnen von der schwarzen
Sorte. Dazu gibt es unweigerlich Reis als Magenfüller.
Dann streuen wir Maniokmehl drüber oder reichen
es als Farofa (mit Zwiebel und Speck angebraten)
dazu. Das saugt die Sauce auf. Hinzu kommt noch
der Kohl, eine spezielle Sorte kurz in Olivenöl,
Zwiebeln und Knoblauch angedünstet, und einige
Scheiben frische Orangen. Das hilft bei der
Verdauung.
HF. Und der Geschmack? Maria: Ist schwer zu beschreiben. Ich glaube,
es ist der Geschmack des getrockneten Fleisches,
der hervorsticht. Bei uns ist das ein Sonntagsgericht,
das bei der Grossmutter aufgetischt wird, wenn
ich in Brasilien bin.
HF.: Maria, was gibst du uns für ein Rezept? Maria: Was mir am meisten fehlt, sind die
vielen hier völlig unbekannten exotischen Früchte
wie Caja, Caju, Pinha und Jaca, die wir in Brasilien
frisch essen oder mit unserer süssen kondensierten
Milch zu einer Art Mousse verarbeiten. Probiert
das mal mit Mangofrüchten, da gehen die Geschmacksnerven
auf. (HF.)
Marias
Mangomousse 500gr.
reifes Mangofruchtfleisch pürieren,
mit 100gr. süsser Kondensmilch
leicht erhitzen und darin 3
Gelatineblätter aufzulösen.
¼ Liter Sahne steif schlagen,
drunter mischen und einige Stunden
erkalten lassen. (HF.)
Essen
und Trinken wie Gott in Frankreich Cassoulet, die französische Version der brasilianischen
Feijoada
Wenn auch die Farbe der Bohnen kontrastiert
(haricot blanc vs haricot noir), die Parallelen
zwischen der brasilianischen Feijoada
und dem "Nationalgericht" der Region
Languedoc im Südwesten Frankreichs sind unübersehbar.
Das ursprüngliche Amalgam von Bohnen und "niederen"
Kategorien Schweinefleisch (Speck, Schwarte
und Wurst), über Stunden verkocht, ergibt beide
Male diese dicke rustikale Lava mit dem rüden
Geschmack.
Der Legende nach ist das Cassoulet allerdings
keine Skalvenspeise, sondern ein Kraftmahl,
nach dessen Verzehr das südfranzösische
Volk von Castelnaudry im 100-jährigen Krieg
(14.Jh) die ihre Stadt belagernden Engländer
bis ans Mittelmeer in die Flucht schlug. Dazu
brauchte es dann sicher mehr Kalorien als im
simplen Schweinefleisch vorhanden, und
so ähnlich gelangten dann wohl das im
eigenen Fett konservierte Gänse- und Entenconfit
sowie das teure Lammfleisch in den Tontopf.
Wer heute in die Region Languedoc-Roussillion
reist, etwa der Route de Cassoulet (www.routedecassoulet.com)
folgt, kommt kaum um diesen kulinarischen
Identitätsmarker herum. So wird die Speiseikone
der Gegend mit einem eigenen Fest gefeiert,
auf dem mitten im Sommer die heisse Bohnen-Fleisch-Speise
kräftig ausgeteilt wird. Da trifft man vielleicht
auf einen der Hohepriester aus der "Académie
Universelle du Cassoulet", der dann die
göttliche Litanei der drei Cassoulets
anstimmen wird: "Castelnaudry - le Père;
Carcassone-le Fils et Toulouse- le Saint Esprit.
Wer auch immer der Bohnenkönig ist, wichtig
sind die " 7 Häute", die sich beim
Ofenaufenthalt der Fleisch-Bohnen-Sedimente
bilden müssen und dass der Löffel in der Masse
stehen bleibt. Danach heisst es dann sich der
Langsamkeit des Körpers und seiner Verdauung
hinzugeben.
Literatur für Cassoulet-Fetischisten: Vincent
Pousson, Cassoulets, haricots, mongets, et Cie,
Editions Loubatières, 1997. (HF.)
Den Geschmack jagen Maniokmehl
" Das kannst du gleich in den Vogelkäfig streuen ", meint Frau Caro, als ich
ihr die Tüte mit Maniokmehl unter die Nase halte. In der Tat erinnert der Inhalt
an Streusand oder freundlicher ausgedrückt: an Paniermehl. "Moment mal, das wird
am Amazonas mit gegrillten Pirahnias gereicht, da muss doch geschmacklich was
dran sein", entgegnet der Geschmacksjäger, "und ausserdem haben wir das letztens
auf dem brasilianischen Fest als Farofa verarbeitet über die Feijoada gestreut.
Das ist ein brasilianisches Grundnahrungsmittel."
"Glaubst du, dass die Blausäure raus ist ", gibt Frau Caro noch zu bedenken,
denn tatsächlich enthält die Brotwurzel-Knolle Maniok aus dem Regenwald bittere
Giftanteile, deren Geschmack wir nun gerade nicht jagen wollen. "Das ist alles
indianisch nach ISO zerrieben, gemahlen, ausgepresst und geröstet worden, und
nun wollen wir das mal schmecken", beendet der Geschmacksjäger ungeduldig die
Diskussion. Erster Versuch: das Mehl im Naturzustand über einen brasilianischen
Bohnen-Wurst-Eintopf (Feijao tropero) schneien lassen. Ein idealer Saucenbinder,
leider völlig geschmacksneutral. "Da droht ja Erstickungsgefahr", meint Frau
Caro. "Dann wollen wir mal die Farofa-Variante probieren", meint der nimmermüde
Geschmacksjäger. Also das Mehl in Butter geröstet: Das Ergebnis erinnert an
gebräunten Butterstreusel. Noch eins drauf gesetzt mit Zwiebeln und Speck, auch
keine Spur von Maniok-Eigengeschmack, aber sicher als Beilage zur Feijoada
brauchbar. Auf weitere Varianten aus dem Buch "Brasilianisch kochen" (siehe Lesefrüchte)
verzichten wir. Das geschmackliche Geheimnis des Tischmehls liegt wohl in der
Legende von Mani (oca), dem frühverstorbenen Tupinamba-Mädchen, begründet und
bleibt uns nichtindianischen Zungen verborgen.(HF.)
Lesefrüchte
Viviane Tronel Brésil,
La Cuisine de ma mère Edition Minerva, Genève
2005.
Morema Parente Augel; Brasilianisch
kochen. Gerichte und ihre Geschichte. Verlag
Die Werkstatt. Edition dià. Berlin 2003.
Kenneth F. Kiple The
Cambridge World History of Food. Cambridge University
Press. Cambridge 2000.
Die kulinarische Transition von der Mutter- auf die
Tochtergeneration ist ein beliebtes
Thema für Kochbücher. Meist geht das
ohne Konflikte ab, denn die schreibenden
Töchter sind aus dem Alter raus, in
dem sie Mutters Küche hassen müssen.
So auch bei Vivianne Tronel, die zudem
als in Frankreich exilierte Brasilianerin
das Repertoire ihrer in der alten Heimat
lebenden Mama nachkocht. Auf diesem
nostalgischem Feuer kochen dann viele
Klassiker aus Brasilien (Fejoada und
andere Bohnengerichte). An Maniokmehl-Angeboten
(zur Freude des "Geschmacksjägers")
wird nicht gespart und auch das typisch
Zuckersüsse, Kuchenrezepte und Getränke
(Cocktails, Fruchtsäfte und Milkshakes)
kommen nicht zu kurz. Das alles wird
an europäische
Marktverhältnisse angepasst. Die Rezepte
sind gut nachkochbar und zudem photogen
präsentiert. Der Photograph Benjamin
Soligny hat dann gleich auch noch gekonnt
Vivianes Herkunftsfamilie, die schwarze
Hausangestellte und viele brasilianische
Genreszenen abgelichtet. Der französischkundige
Ethnoküchen-Freund bestellt so was heutzutage
übers Internet. (HF.)
Das Sammeln von Lesefrüchten ist oft frustrierend, wenn
man die ideale Synthese von Theorie
und Praxis des Essens und Trinkens zwischen
zwei Buchdeckeln sucht. Meist kommt
das Reflektieren über Geschichte und
Kultur vor lauter Küchenpraxis
zu kurz. Bei Morema Parente Augel besteht
da keine Gefahr. In einer langen Einleitung
entschlüsselt sie kulturhistorisch die
brasilianische Küche aller Himmelsrichtungen.
Indianische Ursprünge (z.B. die Legende
von Mani, dem früh verstorbenen
Indianermädchen, aus deren Grab
die Maniokpflanze spriesst), Kolonialmacht-Einflüsse
(Portugals Zuckerbäckerei), afrikanische
Sklavenküche (Bahia und synkretistische
Religionsküche) und Mitbringsel der
Einwanderer (deutscher Kaffee und Kuchen)
werden so klar und erhöhen den geistigen
Genuss beim Nachkochen der 150 Seiten
Rezepte. Die sind alle konzise und mit
europäischen Ersatzteilen beschrieben,
also machbar, allerdings ohne Abbildungshilfe.
Das rare Bildmaterial ist eher
ethnologisch, was auch seinen Charme
hat. Mehr Kochbücher sollten wie "Brasilianisch
kochen" zubereitet werden. (HF.)
Die beiden voluminösen Bände dieser Food-Geschichte im Hause
zu haben, gibt einem ein ähnliches Gefühl
wie das Vorhandensein eines nahrhaften
Brotlaibs in der Speisekammer. Genug
Nahrung für alle Fälle: Food und Foodways
(Nahrungsmittel und Ernährungsweisen)
quer durch die Menschheitsgesichte und
rund um den Globus. Fachleute breiten
ihr Wissen von A(nthropologie) bis Z(oologie)
aus. Über ein umfangreiches Stichwortregister
mit vielen Querverweisen und Quellenangaben
sind die Wissensvorräte sogar gut auffindbar
und nachspürbar. Fast 70 verdaute Eintragungen
für das Thema Brasilien dieser Ausgabe
von "Geschmacksache" legen
dafür Zeugnis ab. Wenn inhaltlich für
unseren Geschmack insgesamt etwas bio-
und gesundheitswissenschaftlich übergewichtig,
kommen die kulturellen Aspekte der Ernährung
in dieser Weltgeschichte dennoch nicht
zu kurz (Kapitel V; Food and drink around
the world). Wie gesagt, das Buch ist
"geistiges"
Grundnahrungsmittel für Menschen mit
Interesse für Essen und Trinken. Übers
Internet leichter als gutes Brot zu
erstehen. (HF.)