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N. 1, April 2006

Thema : Brasilien
Unbeschreibliche Geschmackswelten

feijoada

Essen und Trinken als geschmackliche Einstiegsluke in Kultur und Gesellschaft eines Landes: Wer sich so an den " Kontinent " Brasilien heran macht, weiss gar nicht, wo er angesichts der Komplexität des brasilianischen Geschmacksuniversums beginnen soll. In diesem Land leben  (wie lange?) noch indianische Ureinwohner von dem Urwald abgetrotzten Nahrungsmitteln und mit archaischen  Ernährungsweisen. In anderen Landesteilen zelebrieren ehemalige afrikanische Sklavinnen religiöse Essrituale mit einer eigenen afrobrasilianischen Küche. Katholische Nonnen fabrizieren immer noch Zuckersüsses aus Lusitanien  und deutsche Immigranten bieten Kaffeetafeln ganz wie in der alten Heimat an.
Gegrillte Piranhas, Maniok, Palmöl, Malaguetta-Pfefferschoten, das Trockenfleisch Charque, die Caju-Äpfel des Cashew-Nussbaums, Kokus-Zucker-Quindims und der Zuckerrohrschnaps Cachaca  eröffnen Brasiliens ungeahnte Geschmackswelten. Pflanzen und Tiere sind historisch zwischen den Kontinenten (Amerika, Europa, Asien, Afrika) hin und her geschoben worden und haben in den vielfältigen regionalen Küchen Brasiliens ihre Spuren hinterlassen.

Aus der ehemaliger Sklavennahrung "Feijoada"  ist ein "Nationalgericht" geworden,  das arm und reich gleichermassen schätzen, wie Maria im Interview der "Reingeschmeckt"-Rubrik erzählt. Das afro-brasilianische Fingerfood der schwarzen Köchinnen von Bahia wird heute genauso wie der Limonen-Zuckerrohrschnaps-Cocktail Caipirinha als Touristenattraktion verkauft. Was wir in Europa an brasilianischer Küche serviert bekommen oder selber anrichten können, ist nur ein Bruchteil dessen, was das Land an Ess- und Trinkbaren zu bieten hat. Da gibt es für Geschmacksjäger viel zu entdecken (jenseits des Maniokmehls). Beginnen kann man mit den "Lesefrüchten" und den Abstecher in ein französisches Cassoulet, das ohne die Bohnen aus Südamerika  nicht geworden wäre, was es heute ist: eine Art Okzident-Feijoada. (HF.)


"Reingeschmeckt"
Gespräch mit Maria Battista,
aus Sao Paulo im Südosten Brasiliens 

Maria

HF. Du lebst seit  8 Jahren in Europa, was erzählst du den Leuten hier, wenn sie nach der brasilianische Küche fragen?

Maria: Das ist gar nicht so einfach bei der Vielfalt des Essbaren in unserem Land. Zwischen dem Amazonasgebiet der Indianer, dem Nordosten mit den Grosstädten und der Gaucho-Pampa im Süden liegen Welten. Aber unser Nationalgericht muss ich natürlich erwähnen.

HF. Ja, die berühmte Bohnen-Reis-Schweineohr-Geschichte.
Maria: Die Fejoada ist  uns heilig, und das mit den eingekochten Schweineschwänzen liegt daran, dass es sich ursprünglich um eine Sklavenmahlzeit handelte. Vom Tisch der Kolonialherren fielen nun mal nur die niederen Fleischteile ab, die dann aber von den afrikanischen Frauen  kräftig mit unseren schmackhaften schwarzen Bohnen verkocht wurden. Heute ist das ein mit edleren Fleisch- und Wurstsorten aufgewertetes Gericht, das alle Brasilianer gerne essen.

HF. Was kommt da rein und wie schmeckt das denn?

Maria: Wie gesagt, alles vom Schwein, gerne geräuchert, aber auch Rinderfleisch, Kochwürste wie die Calabresa und vor allem ein Trockenfleisch, Charque, das es in Europa so nicht gibt.

Die Basis der Feijoada sind die Bohnen von der schwarzen Sorte. Dazu gibt es unweigerlich Reis als Magenfüller. Dann streuen wir Maniokmehl drüber oder reichen es als Farofa (mit Zwiebel und Speck angebraten) dazu. Das saugt die Sauce auf. Hinzu kommt noch der Kohl, eine spezielle Sorte kurz in Olivenöl, Zwiebeln und Knoblauch angedünstet, und einige Scheiben frische Orangen. Das hilft bei der Verdauung.

HF. Und der Geschmack?
Maria:
Ist schwer zu beschreiben. Ich glaube, es ist der Geschmack des getrockneten Fleisches, der hervorsticht. Bei uns ist das ein Sonntagsgericht, das bei der Grossmutter aufgetischt wird, wenn ich in Brasilien bin.

HF.: Maria, was gibst du uns für ein Rezept?
Maria: Was mir am meisten fehlt, sind die vielen hier völlig unbekannten exotischen Früchte wie Caja, Caju, Pinha und Jaca, die wir in Brasilien frisch essen oder mit unserer süssen kondensierten Milch zu einer Art Mousse verarbeiten.  Probiert das mal mit Mangofrüchten, da gehen die Geschmacksnerven auf. (HF.) 

Marias Mangomousse
500gr. reifes Mangofruchtfleisch pürieren, mit 100gr. süsser Kondensmilch leicht erhitzen und darin 3 Gelatineblätter aufzulösen. ¼ Liter Sahne steif schlagen, drunter mischen und einige Stunden erkalten lassen. (HF.)


Essen und Trinken
wie Gott in Frankreich

Cassoulet, die französische Version der brasilianischen Feijoada

Wenn auch die Farbe der Bohnen kontrastiert (haricot blanc vs haricot noir), die Parallelen zwischen der  brasilianischen Feijoada und dem "Nationalgericht" der Region Languedoc im Südwesten Frankreichs sind unübersehbar. Das ursprüngliche Amalgam von Bohnen und "niederen" Kategorien Schweinefleisch (Speck, Schwarte und Wurst), über Stunden verkocht, ergibt beide Male diese dicke rustikale Lava mit dem rüden Geschmack.

Der Legende nach ist das Cassoulet allerdings keine Skalvenspeise, sondern ein Kraftmahl,  nach dessen Verzehr das  südfranzösische Volk von Castelnaudry im 100-jährigen Krieg (14.Jh)  die ihre Stadt belagernden Engländer bis ans Mittelmeer in die Flucht schlug. Dazu brauchte es dann sicher mehr Kalorien als im  simplen Schweinefleisch vorhanden, und so ähnlich  gelangten dann wohl das im eigenen Fett konservierte Gänse- und Entenconfit sowie das teure Lammfleisch in den Tontopf.

cassoulet cassoulet 2

Wer heute in die Region Languedoc-Roussillion  reist, etwa der Route de Cassoulet (www.routedecassoulet.com)  folgt, kommt kaum um diesen kulinarischen Identitätsmarker herum.  So wird die Speiseikone der Gegend mit einem eigenen Fest gefeiert, auf dem mitten im Sommer die heisse Bohnen-Fleisch-Speise kräftig ausgeteilt wird. Da trifft man vielleicht auf einen der Hohepriester aus der "Académie Universelle du Cassoulet", der dann die  göttliche Litanei der drei Cassoulets anstimmen wird: "Castelnaudry - le Père; Carcassone-le Fils et Toulouse- le Saint Esprit. Wer auch immer der Bohnenkönig ist, wichtig sind die " 7 Häute", die sich beim Ofenaufenthalt der  Fleisch-Bohnen-Sedimente bilden müssen und dass der Löffel in der Masse stehen bleibt. Danach heisst es dann sich der Langsamkeit des Körpers und seiner Verdauung hinzugeben.

Rezepte unter:
www.chefkoch.de
www.tarn-web.com
www.coursdecuisine.net

Literatur für Cassoulet-Fetischisten: Vincent Pousson, Cassoulets, haricots, mongets, et Cie, Editions Loubatières, 1997. (HF.)

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Den Geschmack jagen
Maniokmehl 

" Das kannst du gleich in den Vogelkäfig streuen ", meint Frau Caro, als ich ihr die Tüte mit Maniokmehl unter die Nase halte. In der Tat erinnert der Inhalt an Streusand oder freundlicher ausgedrückt: an Paniermehl. "Moment mal, das wird am Amazonas mit gegrillten Pirahnias gereicht, da muss doch geschmacklich was dran sein", entgegnet der Geschmacksjäger, "und ausserdem haben wir das letztens auf dem brasilianischen Fest als Farofa verarbeitet über die Feijoada gestreut. Das ist ein brasilianisches Grundnahrungsmittel."

maniokmehl

"Glaubst du, dass die Blausäure raus ist ", gibt Frau Caro noch zu bedenken, denn tatsächlich enthält die Brotwurzel-Knolle Maniok aus dem Regenwald bittere Giftanteile, deren Geschmack wir nun gerade nicht jagen wollen. "Das ist alles indianisch nach ISO zerrieben, gemahlen, ausgepresst und geröstet worden, und nun wollen wir das mal schmecken", beendet der Geschmacksjäger ungeduldig die Diskussion.
Erster Versuch: das Mehl im Naturzustand über einen  brasilianischen Bohnen-Wurst-Eintopf (Feijao tropero) schneien lassen. Ein idealer Saucenbinder, leider völlig geschmacksneutral. "Da droht ja Erstickungsgefahr", meint Frau Caro. "Dann wollen wir mal die Farofa-Variante probieren", meint der nimmermüde Geschmacksjäger. Also das Mehl in Butter geröstet: Das Ergebnis erinnert an gebräunten Butterstreusel. Noch eins drauf gesetzt mit Zwiebeln und Speck, auch keine Spur von Maniok-Eigengeschmack, aber sicher als Beilage zur Feijoada brauchbar.
Auf weitere Varianten aus dem Buch "Brasilianisch kochen" (siehe Lesefrüchte) verzichten wir. Das geschmackliche Geheimnis des Tischmehls liegt wohl in der Legende von Mani (oca), dem frühverstorbenen Tupinamba-Mädchen, begründet und bleibt uns nichtindianischen Zungen verborgen.(HF.)


Lesefrüchte

Viviane Tronel
Brésil, La Cuisine de ma mère
Edition Minerva, Genève 2005.

Morema Parente Augel; Brasilianisch kochen. Gerichte und ihre Geschichte.
Verlag Die Werkstatt. Edition dià. Berlin 2003.

Kenneth F. Kiple
The Cambridge World History of Food. Cambridge University Press.
Cambridge 2000.

MinervaDie kulinarische Transition von der Mutter-  auf die Tochtergeneration ist ein beliebtes Thema für Kochbücher. Meist geht das ohne Konflikte ab, denn die  schreibenden Töchter sind aus dem Alter raus, in dem sie Mutters Küche hassen müssen. So auch bei Vivianne Tronel, die zudem als in Frankreich exilierte Brasilianerin das Repertoire ihrer in der alten Heimat lebenden Mama nachkocht. Auf diesem nostalgischem Feuer kochen dann viele Klassiker aus Brasilien (Fejoada und andere Bohnengerichte). An Maniokmehl-Angeboten (zur Freude des "Geschmacksjägers") wird nicht gespart und auch das typisch Zuckersüsse, Kuchenrezepte und Getränke (Cocktails, Fruchtsäfte und Milkshakes) kommen nicht zu kurz. Das alles wird an europäische Marktverhältnisse angepasst. Die Rezepte sind gut nachkochbar und zudem photogen präsentiert. Der Photograph Benjamin Soligny hat dann gleich auch noch gekonnt Vivianes Herkunftsfamilie, die schwarze Hausangestellte und viele brasilianische Genreszenen abgelichtet. Der  französischkundige Ethnoküchen-Freund bestellt so was heutzutage übers Internet. (HF.)

xDas Sammeln von Lesefrüchten ist oft frustrierend, wenn man die ideale Synthese von Theorie und Praxis des Essens und Trinkens zwischen zwei Buchdeckeln sucht. Meist kommt das Reflektieren über Geschichte und Kultur  vor lauter Küchenpraxis zu kurz. Bei Morema Parente Augel besteht da keine Gefahr. In einer langen Einleitung entschlüsselt sie kulturhistorisch die brasilianische Küche aller Himmelsrichtungen. Indianische Ursprünge (z.B. die Legende von  Mani, dem früh verstorbenen  Indianermädchen, aus deren Grab die Maniokpflanze spriesst), Kolonialmacht-Einflüsse (Portugals Zuckerbäckerei), afrikanische Sklavenküche (Bahia und synkretistische Religionsküche) und Mitbringsel der Einwanderer (deutscher Kaffee und Kuchen) werden so klar und erhöhen den  geistigen Genuss beim Nachkochen der 150 Seiten Rezepte. Die sind alle konzise und mit europäischen Ersatzteilen beschrieben, also machbar, allerdings ohne Abbildungshilfe. Das  rare Bildmaterial ist eher ethnologisch, was auch seinen Charme hat. Mehr Kochbücher sollten wie "Brasilianisch kochen" zubereitet werden. (HF.)

HistoryDie beiden voluminösen Bände dieser Food-Geschichte im Hause zu haben, gibt einem ein ähnliches Gefühl wie das Vorhandensein eines nahrhaften Brotlaibs in der Speisekammer. Genug Nahrung für alle Fälle: Food und Foodways (Nahrungsmittel und Ernährungsweisen) quer durch die Menschheitsgesichte und rund um den Globus. Fachleute breiten ihr Wissen von A(nthropologie) bis Z(oologie) aus. Über ein umfangreiches Stichwortregister mit vielen Querverweisen und Quellenangaben sind die Wissensvorräte sogar gut auffindbar und nachspürbar. Fast 70 verdaute Eintragungen für das Thema Brasilien dieser Ausgabe von "Geschmacksache" legen dafür Zeugnis ab. Wenn inhaltlich  für unseren Geschmack insgesamt etwas bio- und gesundheitswissenschaftlich übergewichtig, kommen die kulturellen Aspekte der Ernährung in dieser Weltgeschichte dennoch nicht zu kurz (Kapitel V; Food and drink around the world). Wie gesagt, das Buch ist "geistiges" Grundnahrungsmittel für Menschen mit Interesse für Essen und Trinken. Übers Internet leichter als gutes Brot zu erstehen. (HF.)

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